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Hallo und herzlich willkommen auf www.plot.de.be, einer Literaturseite mit dem Hauptvermerk auf Kurzgeschichten. Wir wuenschen euch viel Spass beim stoebern und lesen, und im Vorraus schonmal vielen Dank fuer euren Besuch.

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Zitat der Woche

"Egal wie weit der Weg ist, man mu den ersten Schritt tun."

-Mao Tse-tung

Nachtnebel


Die Seidendecke hob und senkte sich über der Brust des Knaben, dessen Ein- und Ausatmen die einzige Geräuschkulisse bildete, wenn man von einer einzigen, kleinen Grille absah, die sich irgendwie in das Zimmer verirrt hatte. Als wäre nicht die schwüle Sommerhitze schon schlimm genug, hatte ihn dann auch dieses nervige Insekt noch Stundenlang wach gehalten, bis er dann doch aus Schwäche in einen Unruhigen Schlaf fiel. Immer wieder begann die Grille ihr eigensinniges Lied, immer wieder wurde der Junge wach... auch jetzt.

Seine Augenlider bewegten sich leicht, zuckten, und dann war Shoju auch schon auf. Direkt wusste er, was der Auslöser war, aber nicht wo, schmiss die Decke zur Seite und starrte wütend in die Dunkelheit. Es machte ihn wütend, dass er gegen ein solch kleines Tier nichts ausrichten würde können, denn eine Jagd nach der Grille wäre wohl nicht von Erfolg gekrönt. Also beließ er es dabei einen Fluch zwischen den Zähnen auszustoßen, beschimpfte das Tier auf jegliche Art und Weise, dann wünschte er sich Schlaf. Es graute ihm vor dem Gedanken wieder Stunde um Stunde wach dazuliegen, ohne etwas dagegen ausrichten zu können. Doch was blieb ihm mehr, als der Versuch einzuschlafen?

Also ließ er sich wieder auf den Futon plumpsen, zog den seidenen Stoff über sich und legte sich auf die Seite. Warum nur? Was für ein Karma hatte er sich im letzten Leben eingebrockt, dass er mit etwas so grässlichem wie Schlaflosigkeit gequält wurde. Denn wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, so war es vielleicht heute die Schuld der Grille, aber schon morgen würde er dem Wind oder anderem die Schuld geben. Sein Schlaf war einfach zu leicht, zu schnell zu beeinflussen durch kleinste Geräusche. Mutter hatte es mit Tee versucht, der ihm festen Schlaf bringen sollte, der Meister mit härterem Training, damit er müde wurde. Doch es half nichts.

Wieder ein Zirpen, doch Shoju verdrehte nur die Augen und schloss dann die Lieder, während er versuchte nicht darauf zu achten. Er würde schon irgendwie einschlafen... hoffte er.

Sein Körper zuckte. Er wusste nicht warum. Ein Geräusch?

Der Junge richtete sich abermals auf und starrte gegen die weißen Shoji Wände, lauschte angestrengt, aber hörte nichts. Shoju schüttelte den Kopf, schalt sich einen Dummkopf, schob es auf den fehlenden Schlaf, und schon lag er wieder mit geschlossenen Augen auf dem Futon, konzentriert darauf nicht zu denken, nur zu schlafen.

Dann wieder.

Ein Geräusch; diesmal hatte er es nicht nur wahrgenommen sondern auch Gehört, sein Gehirn hatte erkannt was ihn aufmerksam gemacht hatte. aber es war nichts Beunruhigendes. Nur das Knarzen von Holz. Ein Mann oder eine Frau die zum Abort gingen. Mehr würde schon nicht dahinter stecken-

Doch dann...

Es passte nicht. Das Geräusch war zu leise, als dass jemand unabsichtlich irgendwo gegen gelaufen war, aber zu abnormal, als dass es der Wind hätte sein können. Zu aktiv..., zu technisch...

Bevor Shoju wirklich überlegte was er tat, war der Junge aufgestanden und schob die Wand zur Seite, blickte in den Korridor und erkannte natürlich auf den ersten Blick nichts als Umrisse. Auch wenn sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, so war er keine Katze. Doch Licht wollte der Knabe auch keines machen. Also ging er Schritt für Schritt, vorsichtig durch die Dunkelheit, immer dem Korridor folgend, während er angestrengt auf das Geräusch lauerte. Doch da war nichts mehr. Alles war still, fast unnatürlich leise... die Stille vor dem Sturm wie man sagt.

Ein Röcheln. Ganz leise, aber es ließ Shoju zur Salzsäule erstarren, denn es kam aus dem Zimmer, neben dem er gerade stand. Der Junge hielt mitten im Schritt inne, stellte das Atmen ein und hatte plötzlich den unglaublichen Wunsch viel größer und kräftiger zu sein. Vor allem aber: Viel mutiger. Sein Vater, würde sein Schwert ziehen, in den Raum stürzen und was auch immer da war in Stücke schneiden, elegant und ohne zu zögern. Aber sein Vater schlief, und Shoju war zu erstarrt um sich zu bewegen.

Dann war das Röcheln verstummt...

Ein Sirren von Luft. Ein Gurgeln und die weiße Shojiwand neben Shoju war auf einmal rot, von Blut durchtränkt. Er stöhnte auf, fiel hin und krabbelte Rückwärts, bis er auf die gegenüberliegende Wand traf. Er wollte schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Er wusste nicht was tun, starrte nur auf den roten Fleck ihm gegenüber, der sich immer weiter ausbreiteten.

Die Schiebetür ihm gegenüber sprang förmlich auf und eine Bewegung sprang heraus, nicht mehr, denn mehr war nicht zu sehen. Der geplante Schrei des Jungen wurde nur zu einem Quieken. Er zog die Beine an den Körper, schloss die Augen und wartete.

Wartete...

Wieder Stille... nichts. Oder doch?

Shoju lauschte, strengte seine Ohren bis zum äußersten an, und wusste, dass da etwas war. Und dieses Etwas atmete....

Der Junge wusste nicht wie lang er schon die Augen zugekniffen hatte, doch dann überwand er sich und öffnete sie leicht. Bevor er seine Umgebung wahrnehmen konnte, erkannte er, dass das Etwas direkt vor ihm war. Abgrundtief Böse. ruhig zog es die Luft ein und stieß sie aus, Shoju wusste, dass es ihn anstarrte. Doch er konnte es nicht erkennen in der Dunkelheit. Oder aber, so schoss es ihm durch den Kopf, was vor ihm war, war allein Dunkelheit, irgendetwas aus den Schatten der Hölle empor geklettertes.

Doch dann riss sich der Junge zusammen und ohne zu wissen, ob es enorm schlau oder einfach nur töricht war, schrie er...

Der Hilfeschrei hallte durch den ganzen Haushalt. Durch einen Haushalt von Kriegern, die alle nur mit einem geschlossenen Auge und gespitzten Ohren schliefen, und die begreifen konnten, noch bevor sie erwacht waren. Dann war das Haus voller Laute, dann voller Schreie und dann ...

Shoju roch Qualm, hörte die Hilferufe und den Kampfeslärm,. doch erstaunlicherweise hockte das Es, wie er es jetzt nennen wollte, einfach nur still vor ihm. Niemand von ihnen beiden bewegte sich. Sie beide hörten die näher kommenden Schritte, die Schritte der Krieger, die kamen um dem Jungen zu helfen. Doch der Junge spürte, dass sein Gegenüber keinerlei Furcht empfand, vielleicht keine Furcht kannte.

Ein Schrei hallte jetzt nahe ihres Ganges und dann war plötzlich Licht. Sechs Männer die im Gang auftauchten, alle bewaffnet und zwei mit Laternen ausgerüstet. Kurz blendete der Strahl Shoju und dann sah er....

Ein Knall. Er musste husten, spürte ein Brennen in den Augen. Irgendetwas war kurz vor ihm explodiert und raubte ihm fast das Bewusstsein. Das Es vor ihm war aufgesprungen, ganz schwarz, mit leuchtend roten Augen. Fast war es Shoju als würde ihm seine Seele entrissen und er hoffte nur, dass es bald vorbei wäre. Er hörte die Männer schreien – vor Angst und Schmerz – hörte ihre Verwirrung, dass sie nicht verstanden- und dann-, ohne Verständnis starben. Einer der Männer ging direkt neben dem Kind zu Boden und ein Blutschwall ergoss sich über Shoju. Er hatte Angst, er schrie...

Etwas packte ihn am Arm und riss ihn in die Höhe, er schrie lauter und schämte sich für seine Feigheit.

„Shoju“, sagte es, „Shoju sei still!“

Und er wurde still, blickte in die Höhe... sein Vater. Im Schlafkimono mit Schwert bewaffnet und voller Blut, aber gesund und vor allem am Leben.

„Sei still und komm mit!“, schrie er seinen Sohn an und zog an ihm. „Und nicht einatmen!“

Endlich, dachte Shoju nur. Doch kurz bevor sein Vater ihn gänzlich hinter sich herzog warf er einen Blick zurück. Er sah die roten Augen, sah sie im Nebel glühen. Aber nicht nur ein Paar, sondern ein Dutzend, und wusste schon nicht mehr welche seiner Fantasie entsprangen und welche nicht. Waren überhaupt welche da?

„Shoju, komm!“, schrie der Vater wieder. Er drehte sich zu dem Jungen um und gab ihm eine Ohrfeige. „Komm zu dir und lauf.“

Ein Pfeifen, Sirren. Was es genau war konnte Shoju nicht sagen. Doch als er es hörte lief ihm ein Schauer über den Rücken, so grausam klang es in seinen Ohren. So etwas hatte er noch nie gehört, oder gehört dass jemand von einem solchen Geräusch erzählt hatte. Angstvoll sah er zu dem Vater hoch, der seinerseits erschrocken in den Nebel starrte.

Dann schoss etwas blitzend daraus hervor, des Vaters Kopf wurde nach hinten gerissen und Blut ergoss sich ein weiteres mal über den Knaben. Er konnte nichts mehr sagen, nicht mehr schreien; erschrocken starrte er nur auf den am Boden zusammen gesackten Körper und den silbernen Stern in dem Kopf seines Vaters.

Dann begann er zu rennen. Der Sohn tat was sein Vater ihm gesagt hatte und sah dabei nicht zurück, hoffte, dass sie ihn nicht verfolgten, wusste, dass seine Hoffnung absurd war. Die Schreie waren verstummt, oder er hörte sie einfach nicht mehr. Dafür nahm er jetzt einen stechenden Geruch von Rauch wahr, von Qualm. Als er dann in die nächste Abbiegung stürmte, sah er auch warum. das ganze Gebäude brannte.

Shoju drehte herum, wobei er fast das Gleichgewicht verlor, und rannte mit erhöhtem Tempo in die andere Richtung, da wo die zweite Treppe sein musste. Er sah nicht mehr links und rechts, sah nur noch einen schmalen Tunnel, nur die Richtung in die er rennen musste.

Der Junge stolperte, purzelte fast schon um die Ecke, dann mit schnellen Schritten die Treppe hinab.

Er wollte weiter rennen Richtung Ausgang, Richtung Freiheit. Doch dann griffen zwei kräftige Hände nach seinen Schultern und zwangen ihn stehen zu bleiben.

„Shoju!“, schrie es durch den Lärm der Schreie und das Prasseln des Feuers. Der Knabe sah nach oben, blickte in die grauen Augen und das faltige Gesicht eines alten Kriegers, den er schon einmal gesehen zu haben glaubte, an dessen Namen er sich aber nicht erinnern konnte....

Ein Keuchen seines Gegenübers und Stahl stieß aus seiner Brust hervor. Blut und Galle des erstochenen Kriegers spritzten dem Jungen ins Gesicht, der schockiert zurückwich. Vor ihm ging der Alte röchelnd, mit blutigen Lippen zu Boden. Ein dunkel gekleideter Mann stand hinter ihm, ganz ohne rote Augen, aber Shoju erkannte ihn wieder. Er musste ein Zauberer sein, oder ein Dämon. Wie sonst hätte er es so schnell hier hinunter geschafft?

Ein Kampfesschrei und der Dämon machte eine ruckartige Bewegung. Während Shoju wegrannte spürte und hörte er, wie hinter ihm etwas in die hölzerne Wand drang. Er rannte, rannte bis er einen Ausgang auf die Freiheit des Hofes sah. Logisch wusste er, dass er nicht die geringste Chance gegen etwas so übermächtiges hatte, doch die Hoffnung zu Überleben blieb.

Der Junge purzelte ins freie, taumelte, hatte nicht mehr die Kraft sich zu fangen und fiel auf den staubigen Boden. Dort blieb er liegen.

Er sah auf....

Und verstand...

Es mussten mindestens ein dutzend Schwarz vermummter Krieger sein. Alle voller Blut, versammelten sie sich nun auf dem Hof um einen, der ihr Anführer zu sein schien. Shoju sah wie sie erleuchtet vom prasselnden Feuer, das immer mehr und mehr das Gebäude um ihn herum nieder riss, in der Mitte des Hofes standen. Nur wenige von ihnen waren abseits, damit beschäftigt die letzten Überlebenden zu töten. Sie schienen wie Dämonen und wahrscheinlich waren sie auch nicht weit davon entfernt, welche zu sein.

Schritte näherten sich von der Seite, und als der junge Knabe zur Seite blickte, da kam eine der schwarz vermummten Gestalten auf ihn zu, ein blutiges Schwert in der Hand und mit mord lüsternem Blick. Es war der Moment wo der Junge wusste, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde, auch wenn er nicht verstehen konnte oder wollte, warum es schon so früh enden musste. Es war der Moment, indem Shoju seine Feigheit ablegte, aufstand und dem Mann entgegenging; mit erhobenem Haupt.

Doch sein Gegner schaffte es nicht bis zu ihm. Ein anderer legte die Hand auf die Schulter des Mörders und murmelte ihm etwas ins Ohr. Ein Mann, der so aussah wie sein verbündeter, aber anscheinend mehr zu sagen hatte. Denn der, der es auf den Jungen abgesehen hatte, rannte nun zur Gruppe davon. Dafür kam der andere auf Shoju zu, doch gar nicht bedrohlich, eher ganz ruhig, während er sein Gesicht vom schwarzem Tuch befreite.

Eine Glatze, darunter ein noch sehr junges Gesicht kam zum Vorschein, mit tief liegenden, dunklen Augen, und zu vielen Falten für sein Alter. Vor Shoju blieb er stehen, beugte sich herab und sah ihn ernst an. Dann sagte er Worte, die Shoju nie vergessen sollte.

„Ihre Feigheit zu überspielen, das schaffen die meisten mit dem Alter. Aber sie einmal zu überwinden, dies erleben nur die wenigsten.“